Masterarbeit · Kurzfassung
Mumpreneurship in Form digitaler Soloselbstständigkeit
Herausforderungen, internalisierte Ansprüche und Ressourcen. Eine qualitative Interviewstudie.
M. Sc. Angewandte Psychologie, Hochschule Hof, 2026. Alle Ergebnisse stehen auf Ebene der Kategorien, ohne Zitate oder Angaben, die auf einzelne Teilnehmende schließen lassen.
Worum es geht
Für die meisten Frauen fallen Erwerbsarbeit und Familie in dieselbe Lebensphase. Von den 45- bis 49-jährigen Frauen waren 2022 rund 20 % kinderlos (Statistisches Bundesamt, 2024). Vier von fünf Frauen haben also bis Ende 40 mindestens ein Kind.
Digitale Soloselbstständigkeit gilt als Weg, Erwerbsarbeit und Familie zu verbinden. 2025 waren 44 % der Gründungen in Deutschland digital, rund 70 % starteten im Nebenerwerb (Metzger, 2026). Zugleich fallen selbstständige Mütter nicht unter das Mutterschutzgesetz (Kay & Schneck, 2025).
Strukturelle Prekarität, normative Belastung und Gründungsmotive selbstständiger Mütter sind einzeln beschrieben. Wie digitale Soloselbstständigkeit mit Care-Verantwortung im Alltag erlebt wird und welche Ressourcen die Frauen nutzen, ist kaum untersucht.
Drei Fragen leiteten die Studie:
- Welche Herausforderungen erleben digital soloselbstständige Mütter?
- Welche Rolle spielen eigene Ansprüche und gesellschaftliche Erwartungen bei diesen Herausforderungen?
- Welche Ressourcen und Bewältigungsstrategien nutzen sie?
Methode
Die Studie ist qualitativ, explorativ und hypothesengenerierend angelegt.
| Baustein | Umsetzung |
|---|---|
| Stichprobe | N = 12: 10 Mütter, 2 Väter als Kontrastfälle; kriteriengeleitete, möglichst heterogene Auswahl |
| Einschluss | mindestens ein Kind im Haushalt; digitale Soloselbstständigkeit oder ein konkreter Versuch, auch wenn er aufgegeben wurde |
| Rekrutierung | Aufrufe in Online-Communities und Direktansprache, April bis Juli 2025 |
| Erhebung | halbstrukturierte Leitfadeninterviews in acht Themenblöcken; synchron per Video (n = 8) oder asynchron per Sprachnachricht (n = 4); Dauer 22 bis 88 Minuten |
| Ergänzung | ein Einzelfall im Längsschnitt (vor und nach der Geburt), nicht Teil des Kategoriensystems |
| Auswertung | inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2022), deduktiv-induktiv, MAXQDA |
| Güte | Gewichtung nach Fallbreite statt Segmenthäufigkeit; Intracoder-Prüfung durch vollständige Zweitkodierung; Reflexion der eigenen Insider-Position |
Fallbreite meint die Zahl der Mütter (von 10), bei denen eine Kategorie kodiert wurde. Sie dient der Orientierung und ist kein statistischer Kennwert.
Kategoriensystem
Das Kategoriensystem umfasst 80 Codes auf fünf Ebenen und 1.142 kodierte Segmente. Nur die oberste Ebene war deduktiv vorgegeben, die Codes darunter entstanden induktiv aus dem Material.
| Ebene | Inhalt | Codes | Segmente | Anteil |
|---|---|---|---|---|
| Strukturell / gesellschaftlich | Normen, Marktlogik, institutionelle Rahmenbedingungen | 19 | 250 | 21,9 % |
| Interaktional | unmittelbares soziales Umfeld | 4 | 57 | 5,0 % |
| Individuell | eigene Ansprüche, Rollenkonflikte, kind- und personbezogene Belastungen | 27 | 351 | 30,7 % |
| Ressourcen & Bewältigung | soziale, motivationale, innere und strukturelle Ressourcen | 29 | 383 | 33,5 % |
| Meta-Ebene | Reflexionen, Wünsche, Ratschläge | 1 | 101 | 8,8 % |
Die drei Belastungsebenen erfassen nur Herausforderungen, die Ressourcenebene nur Gelingensfaktoren. Mehrfachkodierungen waren zulässig, weil die Forschungsfrage das Zusammenspiel der Ebenen betrifft.
Ergebnisse
Zahlen in Klammern = Fallbreite unter den 10 Müttern.
Herausforderungen
Die Belastungen verteilten sich über alle drei Ebenen. Keine Herausforderung wurde bei mehr als 8 von 10 Müttern kodiert.
- Strukturell: wirtschaftliche Unsicherheit und unternehmerisches Risiko (8), Druck zu Sichtbarkeit und Kundengewinnung (8), fehlende gesellschaftliche Legitimität digitaler Arbeit (8), normative Mutterbilder (8), Entgrenzung durch das Home Office (7), Plattformdynamiken (6)
- Interaktional: fehlendes „Dorf“ außerhalb der Kita (8), Unverständnis und Abwertung im Umfeld (7), Isolation (6)
- Individuell: Zeitknappheit und ständige Verfügbarkeit (8; der segmentstärkste inhaltliche Code), emotionaler Mental Load (8), Unterbrechungen im Home Office (8), Handlungsblockaden trotz Wissen (6)
Eigene Ansprüche und gesellschaftliche Erwartungen
Hohe Leistungsansprüche (7), Ängste vor Sichtbarkeit und Bewertung (7) und mangelnde Selbstlegitimierung der eigenen Arbeit (5) wurden nur bei Müttern kodiert. Bei zwei Vätern ist das ein Hinweis, kein Beleg für das Fehlen.
Viele beschrieben eine reflektierte Erziehungshaltung (7) und stellten ihr Business bewusst hinter das Kind zurück (7). Tabuisierte Erfahrungen wie Erschöpfung oder Wut wurden ebenfalls nur bei Müttern kodiert (7). Viele ordneten ihre Ansprüche selbst als übernommen ein; nach der Herkunft der Ansprüche fragte der Leitfaden direkt.
Explorativer Theorievorschlag: Im Licht der Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987) lässt sich Internalisierung als Wechsel des Standpunkts lesen. Eine Norm, die von außen wirkt, geht mit Angst einher; wird sie zur eigenen Stimme, mit Schuld. Diese Zuordnung ist eine nachträgliche theoretische Rekonstruktion. Der Standpunkt wurde nicht eigens kodiert.
Ressourcen und Bewältigung
- Am breitesten: Austausch mit Gleichgesinnten (9) und Sicherheitsnetze durch Anstellung oder Partnereinkommen (9); die Hälfte der Mütter war zusätzlich angestellt
- Innere Ressourcen: positive Überzeugungen und Selbstwirksamkeit (8), gesunder Selbstschutz und Abgrenzung (7), förderliches Erwartungsmanagement (7), Akzeptanz (5)
- Strukturell-praktisch: zeitliche und örtliche Flexibilität (8), Home Office als Ermöglicher (8), Lern- und Entwicklungsprozesse (7), Selbstfürsorge (7), Organisation (7)
- Motive: finanzielle Unabhängigkeit (8), Selbstverwirklichung (7) und Autonomie (7); Vereinbarkeit als ausdrückliches Motiv nur bei 4. Die Abgrenzung zum Autonomiemotiv war nicht immer trennscharf.
Übergreifendes Muster: Ambivalenz
Dieselben Arbeitsbedingungen beschrieben viele Mütter als Ressource und als Belastung. Ob eine Bedingung trägt, hing im Material vom Kontext ab.
| Merkmal | Belastungsseite | Ressourcenseite |
|---|---|---|
| Home Office | Entgrenzung (7), Unterbrechungen (8) | Ermöglicher der Tätigkeit (8) |
| Flexibilität | Zeitknappheit, ständige Verfügbarkeit (8) | zeitliche und örtliche Freiheit (8) |
| Selbstfürsorge | Selbstfürsorge als Pflicht (4) | Selbstfürsorge und Quality Time (7) |
| Absicherung | finanzielle Abhängigkeit vom Partner (6) | Sicherheitsnetz durch Partner oder Anstellung (9) |
Lesart: Digitale Soloselbstständigkeit erscheint im Material als individualisierte Antwort auf strukturelle Problemlagen. Sie bot vielen Raum für Autonomie, Kompetenzerleben und Zugehörigkeit. Absicherung und Care-Verantwortung blieben dabei individuell zu lösen (vgl. Duberley & Carrigan, 2013; Leicht et al., 2014). Das ist eine theoriegeleitete Deutung, kein nachgewiesener Mechanismus.
Theoretische Einordnung
- Das Anforderungs-Ressourcen-Modell (JD-R; Bakker & Demerouti, 2017) setzt eine Trennung von Job- und Nicht-Job-Anforderungen voraus. Bei Soloselbstständigen mit Care-Verantwortung verschwimmt sie.
- Das Autonomieparadoxon ist an Wissensarbeitenden in Unternehmen beschrieben: Wer jederzeit erreichbar sein kann, fühlt sich bald verpflichtet dazu (Mazmanian et al., 2013). Ein ähnliches Muster fand sich hier auch ohne Arbeitgeber, also dort, wo die Freiheit zur Erwerbsform selbst gehört. Dazu passt die Flexibilitätsfalle bei selbstständigen Frauen (Leicht et al., 2014): Gewonnene Flexibilität fließt eher in die Familie als ins Geschäft.
- Die Ressourcen lassen sich nachträglich den drei Grundbedürfnissen der Selbstbestimmungstheorie zuordnen (Deci & Ryan, 2008). Das macht plausibel, warum viele trotz geringer Erträge festhielten, ist aber ein Ordnungsversuch, kein Beleg.
Grenzen
Die Befunde beschreiben Muster in einer kleinen Stichprobe. Sie lassen sich nicht verallgemeinern und belegen keine Ursachen.
- Stichprobe: selbstselektiert und über Communities rekrutiert; wahrscheinlich reflexionsbereite Personen mit Sicherheitsnetz; keine Alleinerziehenden; überwiegend Selbstständigkeit als Zuverdienst
- Auswertung: Kodierung durch eine Person ohne Intercoder-Prüfung; die Forscherin gehört selbst zur Zielgruppe; das Risiko der Bestätigung eigener Annahmen ist gemindert, nicht ausgeschlossen
- Datenstruktur: zwei Interviews liefern knapp ein Drittel der Segmente; Fallbreiten von 5 bis 8 reagieren empfindlich auf einzelne Fälle; zwei Väter erlauben keine Aussagen über das Fehlen eines Phänomens
- Erhebung: Querschnitt mit rückblickenden Schilderungen; im asynchronen Format keine Nachfragen; einzelne Themen hat der Leitfaden direkt angesprochen (Home Office, Mental Load, Netzwerke, Persönlichkeitsentwicklung, Herkunft von Ansprüchen)
Hypothesen für weitere Forschung
Die Hypothesen stammen aus diesem Material und sind an ihm nicht prüfbar. Sie verlangen unabhängige Stichproben.
- Das Belastungserleben hängt stärker vom Umfang der Care-Hauptverantwortung und von der erlebten Abwertung der eigenen Erwerbstätigkeit ab als von Merkmalen des Geschäftsmodells.
- Marktunsicherheit, Abwertung und Care-Hauptverantwortung wirken nicht additiv, sondern verstärken einander.
- Der Zusammenhang zwischen wahrgenommenen gesellschaftlichen Erwartungen an Mutterschaft und dem Belastungserleben wird durch deren Internalisierung vermittelt.
- Selbstdiskrepanz in der Domäne Mutterrolle sagt Sichtbarkeitsängste und Probleme der Selbstlegitimierung vorher.
- Rechtfertigungsdruck und Mental Load folgen der normativen Zuschreibung der Elternrolle, nicht dem faktischen Anteil an Care-Aufgaben; die daran gekoppelte Selbstabwertung bleibt an die Mutter-Identität gebunden.
- Die Befriedigung der drei Grundbedürfnisse sagt Verbleib in der Selbstständigkeit und Wohlbefinden vorher, auch bei kontrolliertem wirtschaftlichem Ertrag.
- Peer-Support puffert den Zusammenhang zwischen erlebter Isolation und Belastungserleben.
- Ob ein Strukturmerkmal entlastet oder belastet, hängt davon ab, welche Funktion die Selbstständigkeit für die Person erfüllen muss.
- Wer eine vor der Elternschaft aufgebaute Berufsidentität über den Übergang hält, erlebt danach geringere Belastung als wer sie erst aus der Mutterrolle heraus aufbaut.
- Digitale Soloselbstständigkeit erhöht das Autonomie- und Kompetenzerleben, verändert die Aufteilung der Care-Arbeit in der Partnerschaft jedoch nicht.
Literatur
- Bakker, A. B. & Demerouti, E. (2017). Job demands–resources theory: Taking stock and looking forward. Journal of Occupational Health Psychology, 22(3), 273–285. doi:10.1037/ocp0000056
- Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2008). Self-determination theory: A macrotheory of human motivation, development, and health. Canadian Psychology, 49(3), 182–185. doi:10.1037/a0012801
- Duberley, J. & Carrigan, M. (2013). The career identities of ‚mumpreneurs‘: Women’s experiences of combining enterprise and motherhood. International Small Business Journal, 31(6), 629–651. doi:10.1177/0266242611435182
- Higgins, E. T. (1987). Self-discrepancy: A theory relating self and affect. Psychological Review, 94(3), 319–340. doi:10.1037/0033-295X.94.3.319
- Kay, R. & Schneck, S. (2025). Auswirkungen der Geburt eines Kindes auf die selbstständige Erwerbsarbeit von Frauen (Daten und Fakten Nr. 36). Institut für Mittelstandsforschung Bonn.
- Leicht, R., Cesinger, B., König, S. & Langhauser, M. (2014). Karriere zu zweit – Haushalt allein? Selbständige Frauen in Beruf und Partnerschaft. In C. Gather et al. (Hrsg.), Die Vielfalt der Selbständigkeit (S. 189–212). Edition Sigma.
- Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (13. Aufl.). Beltz.
- Mazmanian, M., Orlikowski, W. J. & Yates, J. (2013). The autonomy paradox: The implications of mobile email devices for knowledge professionals. Organization Science, 24(5), 1337–1357. doi:10.1287/orsc.1120.0806
- Metzger, G. (2026). KfW-Gründungsmonitor 2026. KfW Research.
- Statistisches Bundesamt. (2024, 8. Mai). Jede fünfte Mutter hat drei oder mehr Kinder zur Welt gebracht (Pressemitteilung Nr. 185). destatis.de
Danke an alle Interviewpartnerinnen und -partner für ihre Offenheit und ihre Zeit.